{"id":45,"date":"2014-01-05T20:44:35","date_gmt":"2014-01-05T20:44:35","guid":{"rendered":"https:\/\/wizardly-lumiere.148-251-177-82.plesk.page\/?p=45"},"modified":"2014-01-05T20:44:35","modified_gmt":"2014-01-05T20:44:35","slug":"hermann-smeets-und-der-neuanfang","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wizardly-lumiere.148-251-177-82.plesk.page\/?p=45","title":{"rendered":"Hermann Smeets und der Neuanfang"},"content":{"rendered":"<p>H\u00f6chster Einsatz f\u00fcr die Bew\u00e4ltigung der Diktatur.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Am 17. April 1945 war f\u00fcr D\u00fcsseldorf der Zweite Weltkrieg beendet. Von Benrath her kommend, zogen die Amerikaner in die Stadt ein, begleitet von dem D\u00fcsseldorfer Architekten Aloys Odenthal und dem Rechtsanwalt Dr. Karl August Wiedenhofen, Mitgliedern der Widerstandsgruppe um den in der Nacht zuvor hingerichteten Kommandeur der D\u00fcsseldorfer Schutzpolizei, Franz J\u00fcrgens. Genau wie die M\u00e4nner der Antifako um Walter Jordan alias Hermann Smeets hatten sie die Amerikaner erreicht, allerdings nicht in Neuss, sondern in Mettmann und Langenfeld, und sie dazu bewegen k\u00f6nnen, die Stadt einzunehmen \u2013 kampflos. Polizeipr\u00e4sident und SS-Brigadef\u00fchrer August Korreng beging Selbstmord, Gauleiter Karl Friedrich Florian wurde gefangengenommen.<\/p>\n<p>F\u00fcr die D\u00fcsseldorfer brachen nach den schweren Kriegs- die nicht einfacheren Friedenszeiten an. Zwar hatten die K\u00e4mpfe und die Luftangriffe aufgeh\u00f6rt, aber gro\u00dfe Teile der Stadt waren zerst\u00f6rt, die Lebensmittel waren knapp, sehr viele Menschen waren obdachlos oder in requirierten Wohnungen zusammengepfercht, ein Gro\u00dfteil von ihnen hatte im Krieg Verwandte, Freunde und Bekannte verloren. Au\u00dferdem konnten es viele nicht verkraften, dass die jahrelangen Hoffnungen und Entbehrungen vergebens gewesen waren, dass sie vom dem zw\u00f6lf Jahre zuvor so hochgejubelten nationalsozialistischem Regime im Stich gelassen worden waren. Stattdessen war die Stadt erneut besetzt \u2013 die \u00e4lteren Einwohner der Stadt kannten diese Situation, hatten sie diese doch etwa zwanzig Jahre zuvor schon einmal erlebt.<\/p>\n<p>Um ein halbwegs geordnetes Leben und eine einigerma\u00dfen vern\u00fcnftige st\u00e4dtische Verwaltung wieder hinzukriegen, bedurfte es der Zusammenarbeit mit den Amerikanern, die bis zu ihrer baldigen Abl\u00f6sung durch die britische Besatzungsmacht die Herren in der Stadt waren. Einer von den Menschen, M\u00e4nner und Frauen, die die Zusammenarbeit mit den Alliierten suchten, war Walter Jordan alias Hermann Smeets. \u00dcber die Versuche, mit den Amerikanern vor deren Einmarsch in Kontakt zu kommen, war den neuen Befehlshabern die Antifako, die Antifaschistische Kamporganisation, bereits bekannt.<\/p>\n<p>Die von Hermann Smeets und anderen gegr\u00fcndete Organisation hatte ihre Daseinsberechtigung mit dem Kriegsende keineswegs verloren, im Gegenteil: Es gab in D\u00fcsseldorf viel zu tun, und sie hatte sich l\u00e4ngst neue Ziele gesetzt. Am 9. Mai 1945 legten Hermann Smeets, Dr. Karl August Wiedenhofen und der Amtsgerichtsrat Dr. Karl-Heinz Henseler diese den Amerikanern dar: Der Organisation \u201egeh\u00f6ren nur solche Personen an, die niemals Mitglieder der NSDAP oder ihrer Kampformationen gewesen sind und ihre antifaschistische Gesinnung w\u00e4hrend ihrer Vergangenheit unter Beweis gestellt haben. Zweck der Vereinigung ist die v\u00f6llige Ausrottung des nationalsozialistischen Gedankengutes und die Erziehung des deutschen Volkes zum freien Denken und zur echten Menschlichkeit. Wir verfolgen demokratische Grunds\u00e4tze. Wir erstreben insbesondere die S\u00e4uberung des \u00f6ffentlichen und wirtschaftlichen Lebens von nationalsozialistischen Elementen und den Neuaufbau unter Einsatz einwandfreier Personen.&#8220;<\/p>\n<p>Der erste Oberb\u00fcrgermeister wurde bereits am 17. April der bisherige Stadtk\u00e4mmerer Dr. Wilhelm F\u00fcllenbach, laut Stadthistoriker Dr. Hugo Weidenhaupt der Mann, \u201eder als einizger h\u00f6herer Beamter genug Vertrauen erweckte und auch verdiente, von der Besatzungsmacht als kommissarischer Oberb\u00fcrgermeister&#8220; eingesetzt zu werden. Nach seinen eigenen Erinnerungen war Hermann Smeets zun\u00e4chst als Polizeipr\u00e4sident vorgesehen, \u201eaber das scheiterte an meiner niederl\u00e4ndischen Staatsb\u00fcrgerschaft&#8220;. Dem Oberb\u00fcrgermeister wurde allerdings als Begr\u00fcndung, dass Smeets das Amt nicht annehmen k\u00f6nne, angegeben, \u201eseine Arbeitskraft&#8220; sei \u201erestlos in Anspruch&#8220; genommen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die Antifako weiter existierte, bildete sich unabh\u00e4ngig davon auch eine antifaschistische Institution, die Antifa, quasi eine Sammelstelle der lokalen ehemaligen Widerstandsgruppen. Nach kurrzeitigem Verbot der Antifa durch die amerikanische Milit\u00e4rverwaltung, bildete diese einen Zehnerausschuss unter der Leitung von Hermann Smeets, dem u.a. Dr. Henseler, Dr. Wiedenhofen, der Gerresheimer Arzt Dr. Karl Hagedorn, aber auch die katholischen Pfarrer Karl B\u00fcchler und Franz Merzbach, beide aus Bilk, angeh\u00f6rten. Diese traten allerdings bereits Mitte Juni wieder zur\u00fcck mit der Begr\u00fcndung, dass der Zehnerausschuss wichtige Aufgaben h\u00e4tte, die andere M\u00e4nner als zwei Pfarrer wirksamer erf\u00fcllen k\u00f6nnten. Der Zehnerausschuss bestand neben dem von den Amerikanern sp\u00e4ter berufenen Vertrauensausschuss der B\u00fcrgerschaft, dem Smeets \u2013 angeblich ebenfalls wegen seiner niederl\u00e4ndischen Staatsangeh\u00f6rigkeit \u2013 nicht angeh\u00f6rte.<\/p>\n<p>\u201eWir im Zehnerausschu\u00df&#8220;, so erinnerte sich Hermann Smeets fast 40 Jahre sp\u00e4ter im Interview mit Andreas Kussmann, \u201esollten nur eine beratende Funktion haben. Mit wem h\u00e4tte die amerikanische Besatzungsmacht denn mal was besprechen k\u00f6nnen? [&#8230;] Die Amerikaner fragten uns wohl, was sie denn aus unserer Sicht in D\u00fcsseldorf anordnen sollten. Wir konnten ihnen Vorschl\u00e4ge machen: das m\u00fc\u00dfte so und so gemacht werden. Aber richtigen Einflu\u00df hatten wir nat\u00fcrlich nicht \u2013 wir konnten denen ja keine Anweisungen geben. Wenn denen unsere Vorschl\u00e4ge pa\u00dften, dann ja \u2013 wenn nicht, dann nicht.&#8220;<\/p>\n<p>Im wesentlichen k\u00fcmmerte sich die Antifa um die Betreuung von NS-Opfern oder heimkehrende KZ-H\u00e4ftlinge, sie sammelten Geld und Kleider, lie\u00dfen sich aber auch deren Erlebnisse berichten. Zahlreiche Hilfeersuchen erreichten den Zehnerausschuss. Die \u201eAntifaschistische Kampftruppe Wersten&#8220; berichtete von der Ehefrau eines \u201estandrechtlich Erschossenen&#8220;, die auf der Suche nach Arbeit und Unterst\u00fctzung \u201evon einem B\u00fcro zum anderen&#8220; geschickt w\u00fcrde. \u201eEs w\u00e4re emp\u00f6rend, wenn diese Frau nicht bald zu ihrem Recht k\u00e4me. [&#8230;] der Fall mu\u00df wohl so betrachtet werden, als sei es ein K-Z-Fall. Wenn auch der tapfere Mann nicht mehr lebt, so hat er uns eine Frau hinterlassen.&#8220;<\/p>\n<p>Au\u00dferdem bem\u00fchte sich der Zehnerausschuss aktiv um die Entnazifizierung. Dabei wurde in einer Sitzung Anfang August 1945 beschlossen, dass er nicht darum gehen k\u00f6nne, die \u201ekleinen Nazis&#8220; zu verfolgen, denn in dieser Zeit \u201ef\u00fchlen die \u201aGro\u00dfen&#8216; wieder Oberwasser und f\u00fchren das Wort.&#8220; Dieses schien in einigen Beh\u00f6rden auch durchaus der Fall zu sein: Der Zehnerausschuss stellte dies bei der Antragstellung seitens ehemaliger KZ-H\u00e4ftlinger oder Zuchth\u00e4usler fest und riet dazu, bei der Antragstellung gegen\u00fcber Beh\u00f6rden \u201esoll man unter keinen Umst\u00e4nden die antinationalsozialistsche Einstellung oder die Jahre Zuchthaus, die der Antragsteller abgesessen hat, darauf vermerken, denn sonst l\u00e4uft er in die Gefahr, da[\u00df] sein Antrag bestimmt abgelehnt wird.&#8220;<\/p>\n<p>Eine wichtige Aufgabe war die \u201eEntnazifizierung&#8220;. Der Zehnerausschuss stellte u.a. fest, dass bei den Stadtwerken noch hunderte \u201ePg&#8217;s&#8220;, also Parteigenossen, sa\u00dfen. Hermann Smeets selbst hatte die Aufgabe, s\u00e4mtliche Betriebe des Einzelhandels \u201edurchzuk\u00e4mmen&#8220; und Fragebogen zu verteilen. Jeder, der ein Gesch\u00e4ft er\u00f6ffnen wollte, hatte eine Unbedenklichkeitsbescheinigung vorzulegen. Diese Entnazifizierung, so wichtig und sinnvoll sie war, hatte leider auch ihre unsch\u00f6nen Seiten. Hermann Smeets erinnerte sich an \u00fcble Denunziationen, die vorgekommen waren: \u201eAuch eine Frau habe ich mal rausgeschmissen. Die ist gekommen, um ihren Mann anzuzeigen, das w\u00e4re ein Nazi. Es ging ihr aber blo\u00df darum, ihren Ehemann loszuwerden. [&#8230;] Es hat \u00fcble Sachen gegeben, Denunziationen \u00fcbelster Art.&#8220;<\/p>\n<p>Bereits nach wenigen Wochen war die amerikanische Milt\u00e4rregierung durch die britische Besatzungsmacht abgel\u00f6st worden. Mit ihr gerieten die diversen B\u00fcrgeraussch\u00fcsse wie die Antifa sehr bald in Konflikt, auch weil sie wesentlich gr\u00f6\u00dfere Autonomie beanspruchten, als die Briten ihnen zugestehen wollten. Zu diesem Zeitpunkt war Hermann Smeets allerdings nicht mehr im Zehnerausschuss pr\u00e4sent, bereits im August 1945 wurde er hinausgedr\u00e4ngt. Aus seinen im Interview niedergelegten Erinnerungen geht nicht hervor, wie sehr dies den \u00fcberzeugten Christdemokraten pers\u00f6nlich getroffen haben musste. Der Grund war: \u201eIch war denen nicht radikal genug. Peter Waterkortte, KPD-Mann und sp\u00e4ter auch B\u00fcrgermeister, hat mich zu sich in die Hoffeldstra\u00dfe bestellt und mir dort gesagt, ich solle zur\u00fccktreten und den Vorsitz dem Dr. Hagedorn \u00fcbertragen. \u201aWieso das denn?&#8216; \u2013 \u201aTja, das ist eine Anordnung von oben.&#8216; Was bei den Kommunisten \u201avon oben&#8216; hei\u00dft, das wei\u00df man nie. Zun\u00e4chst habe ich mich geweigert. Darauf sagte er zu mir: \u201aDas will ich dir mal sagen: wir haben M\u00f6glichkeiten, da\u00df du da wegkommst.&#8216; So hat er mir gedroht. Ich bin dann noch einmal zu einer Sitzung in die Eisenstra\u00dfe gegangen, dort habe ich dann kapitulieren und das Amt abgeben m\u00fcssen.&#8220;<\/p>\n<p>Lange konnte sich der Gerresheimer Arzt Hagedorn nicht an seinem Amt erfreuen: Die britische Milit\u00e4rregierung verf\u00fcgte per 12. Oktober 1946 die Aufl\u00f6sung der Antifa sowie aller anderer B\u00fcrgeraussch\u00fcsse. Am 13. Oktober 1946 wurde die erste Stadtverordnetenversammlung gew\u00e4hlt.<\/p>\n<p>Quelle: Dr. Christian Leitzbach<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>H\u00f6chster Einsatz f\u00fcr die Bew\u00e4ltigung der Diktatur.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"site-sidebar-layout":"default","site-content-layout":"","ast-site-content-layout":"default","site-content-style":"default","site-sidebar-style":"default","ast-global-header-display":"","ast-banner-title-visibility":"","ast-main-header-display":"","ast-hfb-above-header-display":"","ast-hfb-below-header-display":"","ast-hfb-mobile-header-display":"","site-post-title":"","ast-breadcrumbs-content":"","ast-featured-img":"","footer-sml-layout":"","ast-disable-related-posts":"","theme-transparent-header-meta":"","adv-header-id-meta":"","stick-header-meta":"","header-above-stick-meta":"","header-main-stick-meta":"","header-below-stick-meta":"","astra-migrate-meta-layouts":"default","ast-page-background-enabled":"default","ast-page-background-meta":{"desktop":{"background-color":"var(--ast-global-color-5)","background-image":"","background-repeat":"repeat","background-position":"center center","background-size":"auto","background-attachment":"scroll","background-type":"","background-media":"","overlay-type":"","overlay-color":"","overlay-opacity":"","overlay-gradient":""},"tablet":{"background-color":"","background-image":"","background-repeat":"repeat","background-position":"center center","background-size":"auto","background-attachment":"scroll","background-type":"","background-media":"","overlay-type":"","overlay-color":"","overlay-opacity":"","overlay-gradient":""},"mobile":{"background-color":"","background-image":"","background-repeat":"repeat","background-position":"center center","background-size":"auto","background-attachment":"scroll","background-type":"","background-media":"","overlay-type":"","overlay-color":"","overlay-opacity":"","overlay-gradient":""}},"ast-content-background-meta":{"desktop":{"background-color":"var(--ast-global-color-4)","background-image":"","background-repeat":"repeat","background-position":"center center","background-size":"auto","background-attachment":"scroll","background-type":"","background-media":"","overlay-type":"","overlay-color":"","overlay-opacity":"","overlay-gradient":""},"tablet":{"background-color":"var(--ast-global-color-4)","background-image":"","background-repeat":"repeat","background-position":"center center","background-size":"auto","background-attachment":"scroll","background-type":"","background-media":"","overlay-type":"","overlay-color":"","overlay-opacity":"","overlay-gradient":""},"mobile":{"background-color":"var(--ast-global-color-4)","background-image":"","background-repeat":"repeat","background-position":"center center","background-size":"auto","background-attachment":"scroll","background-type":"","background-media":"","overlay-type":"","overlay-color":"","overlay-opacity":"","overlay-gradient":""}},"footnotes":""},"categories":[25],"tags":[],"class_list":["post-45","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-grosse-bilker-namen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/wizardly-lumiere.148-251-177-82.plesk.page\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/45","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/wizardly-lumiere.148-251-177-82.plesk.page\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/wizardly-lumiere.148-251-177-82.plesk.page\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wizardly-lumiere.148-251-177-82.plesk.page\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/wizardly-lumiere.148-251-177-82.plesk.page\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=45"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/wizardly-lumiere.148-251-177-82.plesk.page\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/45\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/wizardly-lumiere.148-251-177-82.plesk.page\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=45"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/wizardly-lumiere.148-251-177-82.plesk.page\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=45"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/wizardly-lumiere.148-251-177-82.plesk.page\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=45"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}